Mu-Dojang
 
Mu oder Die Suche nach der Essenz der Kampfkunst

Das asiatische Denken widerspiegelt sich überall in der Kampfkunst. Allerdings wissen zu wenige Kampfkünstler, was sich dahinter bergt. Um zu diesem Ursprung zu gelangen, ist es notwendig, über die Fertigkeiten hinaus zu wachsen. Zum Weg der Kampfkunst muß man sich die Kunst aneignen, den Weg verinnerlichen. Nicht nur mit dem Geist, sondern mit der ganzen Kraft des Herzens muß man diesen Weg spüren und folgen.

 
Der Begriff "Mu" steht für "das absolute Nichts", zugleich aber repräsentiert es auch "der höchste Seinsgrund". Am besten läßt sich das mit dem Begriffspaar "Yin - Yang" verdeutlichen, dessen Symbol ziemlich bekannt sein dürfte. Yin (oder "Um" auf Koreanisch) steht für dunkle, Yang als Gegenpol für helle Energie. In einem Wechselverhältnis miteinander ergänzen sich die beiden Energieformen. Im fernöstlichen Denken wird das Universum als ein Bewegungsablauf der Energie (Ki) verstanden. Ohne Ki gibt es kein Leben. In diesem weiteren Begriff von Ki entsteht das Gleichgewicht zwischen Yin (= Um) und Yang. Das Begriffspaar bildet somit eine Einheit. Diese ist die Grundlage für die Harmonie der Elementen. Das führt zu dem Begriff "Do", der Weg.

 
Yin (Um) und Yang stehen in einem Wechselverhältnis zwischen Aktivität und Ruhe. Die Bewegungsenergie (Yang) kommt zum Stillstand (Um), wenn die Anhaltsgrenze erreicht worden ist. Die Stillstandsenergie (Um) dagegen, wenn sie ihre höchste Anhaltsgrenze erreicht hat, verwandelt sich in Aktivitätsenergie.
 
Im Taekwondo werden Formen (Poomse) gelernt. Diese tragen den Namen Taeguk, was der Aktivitätsenergie entspricht. Deswegen bilden Formen Bewegungsabläufe für einen Kampf gegen einen imaginären Gegner. In Konzentrations- und Atemübungen wird die höchste Anhaltsgrenze spürbar. In dem Zustand der Stille, auch Muguk genannt, werden neue Kräfte gesammelt. Der Begriff "Mu" ist ein innerer Zustand der Leere, der eine Aufnahme neuer Informationen ermöglicht. Da Yin nicht ohne Yang existieren kann, so ist es auch zwischen Taeguk und Muguk. (Guk bedeutet "Ende einer Grenze").
 
Der Begriff "Mu" steht für "das absolute Nichts" und "Muguk" für die Grenzenlosigkeit (z.B. den Kosmos); "Taeguk" dagegen für etwas Begrenztes in dieser Unendlichkeit (z.B. Himmel und Erde als Bestandteil des Kosmos). Darüber hinaus läßt sich dieses Bild auf den Menschen übertragen. "Muguk ist die Stillstandsenergie (Um) oder die grenzenlose Seele, "Taeguk" dagegen die Aktivitätsenergie des begrenzten Körpers.

Mit dem Namen "Mu-Dojang" werden in diesem Sinne die entgegengesetzten Kräfte (Um/Yang) vereinbart. Der Taekwondo-In (Taekwondo-Übende), der sich auf dem Weg des Kriegers befindet, muß in der Lage sein, "das absolute Nichts" erreichen zu können und vor allem zu wollen, damit aus dieser inneren Leere neue Kräfte entstehen können. Der Weg ist das Ziel. Dafür muß sozusagen Leere existieren.

Der Taekwondoin durchläuft alle Disziplinen der Kampfkunst: Poomse (Formen), Kyokpa (Bruchtest), Kyorugi (Wettkampf). Alle Disziplinen werden nicht von Anfang an gleich wichtig sein. Das absolute Ziel im Taekwondo ist es, über diese Disziplinen hinaus zu wachsen, um den Muguk-Zustand oder Einheit mit dem Kosmos zu erreichen. Dieser Entwicklungsprozeß dauert ein Leben lang und kann nur zu diesem Ziel führen, wenn man sich dem Taekwondo mit der ganzen Kraft des Herzens widmet.

 
Das Wesen vom Taekwondo ist ohne die asiatische Philosophie nicht zu verstehen. Deswegen wird sich der aufrichtige Krieger Gedanken darüber machen müssen und bemüht sein, den anderen wie sich selbst zu kennen. Durch diesen Prozeß wird der wahre Meister zu einer Do-Person (Do-In), die über das Technik-Training hinaus gewachsen ist, um zum eigentlichen "Do" zu kommen.

Im Mu-Dojang wird der Taekwondoin auf diesem Weg begleitet. Zuerst das Grundtraining für die Fertigkeiten, später die Vorbereitung des Geistes für die Weiterentwicklung, dann das "Do" als Weg innerlich fühlen, schließlich darüber hinaus in den Muguk-Zustand, um Einheit mit dem Kosmos zu erreichen.

 
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